Historie

 

Die Anfänge – Chirurgie am Kind

Die Bremer Kinderklinik, ebenso wie die Klinik für Kinderchirurgie haben ihre Wurzeln im Bremer Kinderkrankenhaus, das 1846 in der Mühlenstraße (heute Paulskloster) eröffnet wurde. Auf Initiative eines wohltätigen Vereins startete man hier mit sechs Betten für kranke und pflegebedürftige Kinder bis zum achten Lebensjahr. Zum ersten Mal wird im Jahresbericht 1851/52 über chirurgische Eingriffe berichtet: An „größeren Operationen“ seien „durch Herrn Dr. Tölken eine Operation des Klumpfußes und eine Amputation des Oberschenkels wegen Vereiterung des Kniegelenks“ durchgeführt worden, „beide mit einem günstigen Erfolg.“ 1860 zog die Institution in ein eigens zu diesem Zwecke erbautes Gebäude im Fehrfelde (heute Ansgar Haus auf dem Gelände des Gesundheitsamtes an der Horner Straße), das 1882 durch einen „chirurgischen Pavillon“ auf insgesamt 200 Betten erweitert wurde. Alle Ärzte im Kinderkrankenhaus arbeiteten über Jahrzehnte unentgeltlich. Erst ab Ende des 19. Jh. erhielten sie „eine kleine, ihrem Aufwande an Zeit und Mühe wenig äquivalente Entschädigung“. Während die Operationen zunächst durch verschiedene Chirurgen (Drs. Dreier, Hurm, Diedrich, Kulenkampff) ausgeführt wurden, war von 1896-1902 Dr. Enrique Sattler und von 1902-1911 Dr. Georg Mertens für die ständig steigende Zahl der zu Operierenden zuständig. Zwischen 1882 und 1901 war die Zahl der Eingriffe von 31 auf 272 angestiegen. Ein drängendes Thema im Kinderkrankenhaus, ebenso wie auf der chirurgischen Abteilung, waren die lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten Scharlach, Masern und vor allem die Diphtherie, an deren Folgen viele Kinder starben. Allein 1911 endete der Luftröhrenschnitt, als die letzte Möglichkeit zur Behandlung der Rachen- und Kehlkopf-Diphtherie in 32 von 70 Fällen tödlich.

 

Kinderchirurgie auf dem Weg zum Spezialfach

Im Jahr 1911 übernahm der Bremer Arzt Dr. Johannes Strassburg (1877-1965), seit 1906 Oberarzt in der Chirurgischen Klinik der „Großen Krankenanstalt“, die Leitung der Abteilung. In seine Amtszeit fiel die organisatorische und räumliche Umstrukturierung des Kinderkrankenhauses. Nachdem der Verein die Trägerschaft aus wirtschaftlichen Gründen an den Bremer Staat abgegeben hatte (1.1.1921), erfolgte ab 1923 die Eingliederung des Kinderkrankenhauses in die Krankenanstalt. Bis zum Bau einer neuen Kinderklinik sollte es noch viele Jahre dauern und so musste die chirurgische Abteilung zunächst Zwischenstation im Willehadhaus (heute Rotes Kreuz Krankenhaus) machen. Wegen finanzieller Probleme infolge von Inflation und Weltwirtschaftskrise zog sichder Bau  des dringend benötigten Kinderkrankenhauses in die Länge (1929-1937); erst im Oktober 1934 konnte die Kinderchirurgie ihre Räume im ersten Stock desneuen Krankenhauses an der Friedrich-Karl-Straße beziehen.

 

Neue Leitung – neue Perspektiven: Fritz Rehbein

Dr. Johannes Straßburg war bereits 73 Jahre alt, als er nach fast vierzigjähriger Dienstzeit 1951 in den Ruhestand ging und die Leitung der Kinderchirurgie an Fritz Rehbein abgab. Rehbein (geb. 08.04.1911) hatte zwischen 1929 und 1935 Medizin an den Universitäten in München, Bonn, Hamburg und Heidelberg studiert, wo er auch seine Dissertation vorlegte. Seit Sommer 1936 arbeitete er zunächst als Volontärassistent, später als Assistenz- und Oberarzt in der Chirurgischen Universitätsklinik Göttingen. Da der Chirurg parteipolitisch nicht weiter hervorgetreten war, konnte er gleich nach seiner Rückkehr im Juni 1945 an seinen Arbeitsplatz in der Göttinger Universitätsklinik zurückkehren, wo er 1946 den Facharzt für Chirurgie und Orthopädie ablegte und sich 1948 für diese beiden Fächer habilitierte. Seine Ernennung zum außerplanmäßigen Professor der Medizinischen Fakultät Göttingen erfolgte 1953. Da war er bereits Leiter der Bremer Abteilung die 1964 in Klinik für Kinderchirurgie umbenannt wurde. Auf Empfehlung von Prof. Dr. Rudolf Hess, dem Leiter der Bremer Kinderklinik, hatte Rehbein bereits 1948 die Urlaubsvertretung von Dr. Straßburg übernommen, wo sicher die Weichen für die weitere berufliche Zukunft des Chirurgen gestellt worden sind. Als Rehbein die Klinik am 01.01.1951 übernahm, handelte es sich um eine kleine Abteilung mit einem Assistenten, an der im Wesentlichen Leistenhernien, Leistenhoden, Appendizitiden und Unfälle behandelt wurden. Doch noch im selben Jahr schrieb er Medizingeschichte, als ihm die erste erfolgreiche Ösophagusatresie-Operation in Deutschland gelang. Dies war 10 Jahre zuvor dem Amerikaner Cameron Haight in Michigan zum ersten Mal geglückt. Bis dahin hatten Kinder, die mit einer derartigenFehlbildung der Speiseröhre geboren wurden, keine Überlebenschance. Rehbein selbst bewertete diese erste erfolgreiche End-zu-End-Anastomose als die Geburtsstunde der modernen Kinderchirurgie „Es klingt heute schier unglaublich, dass wir die ersten Fälle noch ohne Intubation in Äthertropfnarkose operiert haben“, schrieb Rehbein 1983 rückblickend. Während seiner aktiven Zeit in der Bremer Kinderklinik wurden über 500 derartige Operationen durchgeführt. Rehbein hat in seiner Amtszeit zusammen mit seinem Team zahlreiche neue Operationsmethoden bis ins Einzelne erdacht, erprobt und veröffentlicht. Sein besonderes kinderchirurgisches Engagement galt neben der Ösophagusatresie der Diagnostik und Behandlung des M. Hirschsprung, der operativen Therapie der Trichterbrust, der Hiatushernie, der Analatresie aber auch der Kinderurologie. Bereits Anfang der 1960er Jahre galt die Bremer Kinderchirurgie für „auswärtige und ausländische Ärzte als Zentrum einer wagemutigen, fortschrittlichen Operationstechnik“ (Weser-Kurier 8.4.1961). Seine Forschungsergebnisse und profunden Operationserfahrungen veröffentlichte Rehbein in Aufsätzen und Vorträgen, aber vor allem in dem Fachbuch „Kinderchirurgische Operationen“ (1976), das noch heute in weiten Teilen aktuell und zudem ein herausragendes Beispiel für didaktische Klarheit ist. Darüber hinaus war der Bremer Arzt 1964 Mitbegründer und Schriftführer (bis 1983) der weltweit zweitältesten, der Kinderchirurgie gewidmeten „Zeitschrift für Kinderchirurgie“.

 

Auch baugeschichtliche Meilensteine

In Rehbeins Amtszeit fielen Meilensteine in der Baugeschichte der Bremer Kinderchirurgie, darunter die räumliche Erweiterung im Jahr 1964, die Einweihung einer Intensivstation 1966 aber vor allem die in Betriebnahme des Neubaus der Kinderchirurgie im April 1974. Für 12,5 Millionen DM war ein Gebäude entstanden,das den modernen Anforderungen der Kinderchirurgie entsprach und allein vier große OP-Säle samt Aufwacheinheit, Ambulanzbereiche, Arztzimmer, Bereiche für die Anästhesie und eine Zentralsterilisation – alles mit moderner Wasser-, Heizungs- und Klimatechnik ausgestattet, enthielt. Neben der Tätigkeit im Operationssaal und am Krankenbett erwarb sich Rehbein große Meriten durch seine aktive Teilnahme im internationalen Netzwerk der Kinderchirurgie. Startpunkt war 1953 seine Einladung zur Teilnahme am Kongress der neugegründeten „British Association of Paediatric Surgeons“ (BAPS). Vorträge auf Kongressen und in Universitäten führten den Kinderchirurgen u.a. ins ägyptische Alexandria (1962), nach Tokio (1965), Malta (1968), Australien (1970) und mehrmals in die USA. 1975 reiste Rehbein für zwei Wochen auf Vermittlung des Bremer Bürgermeisters Hans Koschnik nach Ljubljana, um Ärztinnen und Ärzte in der neu eröffneten kinderchirurgischen Klinik zu unterrichten. Diese vielfältigen Kontakte in die osteuropäischen Länder, u.a. auch zu polnischen Gesellschaften und Institutionen waren ihm immer ein besonderes Anliegen. Fachliche Höhepunkte waren das Internationale Symposium zur Ösophagusatresie 1974 und der dreitägige Bremer Kongress der „British Association of Paediatric Surgeons“ im Sommer 1967. Die Nachricht von der Exklusivität dieser Veranstaltung mit 260 Gästen aus 37 Ländern war 1967 sogar bis zum Bremer Senat vorgedrungen. Als öffentliches Zeichen der Anerkennung sollte Rehbein die 13. Bremische Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen werden. Im Vorfeld hatte das für Irritationen gesorgt, da der zukünftige Preisträger die festgesetzte Altergrenze von 65 Jahren noch nicht erreicht hatte, und der Preis bis dato ausschließlich an Personen aus dem kulturellen Leben verliehen worden war (u.a. Rudolf Alexander Schröder 1938, Anton Kippenberg 1944). Doch sowohl der damalige Bürgermeister Hans Koschnik plädierte für die Ehrung der „außerordentlich beachtliche(n) medizinischen Kapazität“ als auch der Gesundheitssenator Karl Weßling hielt den Kritikern entgegen: „Bremen neige dazu, seine positiven Leistungen nicht genügend herauszustellen.“ Immerhin sei die Hansestadt auf dem Gebiete der Kinderchirurgie und Anästhesie „absolut führend.“ Und so einigte man sich auf einen Kompromiss: indiesem Jahr wurden zwei Medaillen verliehen. Eine ging an den damaligen Direktor der Bremer Kunsthalle Günther Busch, die andere an den Bremer Kinderchirurgen. Nach 25 Dienstjahren wurde Fritz Rehbein im Mai 1976 feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Die Liste der Auszeichnungen, mit denen der Kinderchirurg auch über seine aktive Arbeitszeit hinaus geehrt wurde, ist lang. Herausragend war die Verleihung der Paracelsus- Medaille 1976. Dass diese höchste Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft damals erst- und bisher einmalig an einen Kinderchirurgen ging, gilt bis heute als ein Höhepunkt in der Geschichte der noch jungen medizinischen Disziplin. Rehbein starb im Alter von 80 Jahren.

 

Weiterentwicklung des Erbes

Die Nachfolge Rehbeins traten 1976 Prof. Dr. Dr. Gerd von der Oelsnitz (1976 – 1996) und Dr. Dieter Booß (1976 – 2002) gemeinsam an. Ihnen gelang es, den hohen Standard der Rehbein’schen Schule fortzuschreiben und für einige der aufgeführten Spezialitäten weiter zu entwickeln. Dies betrifft Themen wie die Therapie der Ösophagusatresie, der Trichter- und Kielbrust oder auch der Kinderurologie. In die Amtszeit des Nachfolgers Prof. Dr.Christian Lorenz (seit 2002) fällt dann schon die Umbenennung in Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie. Über all die Jahre steht die Klinik für ein breites Spektrum kinderchirurgischer Angebote. Im Verbund mit den Pädiatrischen Kliniken stellt sie eine wichtige Säule der Kindermedizin für Bremen und ein weites Umland dar. Eine aktive Mitarbeit in den Strukturen der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie bestimmt genauso den Alltag wie eigene Aktivitäten im Rahmen von Publikationen, Vorträgen und wissenschaftlichen Veranstaltungen. Ein aktueller Beleg mag das Fritz- Rehbein-Symposium mit internationaler Beteiligung am 8. und 9. April 2011 in Bremen gewesen sein (www.conventus.de/kcb2011).  

 

Literatur bei der Verfasserin 

Gerda Engelbracht, 
Engelbracht und Hauser, 
Geschichts- und Kulturkonzepte
Februar 2011
www.kulturkonzepte-bremen.de

Prof. Dr. Straßburg in den 30-er Jahren.
Prof. Rehbein in seinem Arbeitszimmer...
...und auf der Station.
OP-Saal der Kinderchirurgie vor 1950.
Einer von vier OP-Sälen im 1974 eröffneten OP-Trakt der Klinik.
Prof. Dr. Rehbein (links sitzend) und Dr. Boom (rechts stehend).
Neubau der Kinderchirurgie 1974.
 
ImpressumDatenschutzHaftungsausschluss© 2014 Gesundheit Nord - Klinikverbund Bremen
Sie sind hier:Historie-