Wer kennt das Gefühl nicht oder kann sich zumindest noch daran erinnern? Das Herz rast, die Nerven liegen blank, man kommt nicht zur Ruhe und kriegt keinen Bissen runter. Die berühmten Schmetterlinge erobern den Bauchraum, der Kopf steckt in den Wolken fest. „Das machen alles die Hormone und komplexe biochemische Prozesse“, erklärt Dr. Deniz Karagülle nüchtern. Die Hormone führen nämlich Achterbahn, wenn man verliebt sei. Der Körper schüttet verstärkt Dopamin und Oxytocin aus, was einen vermeintlich schweben lässt und das Belohnungszentrum ihm Gehirn aktiviert. Das Dopamin sorgt dabei für rauschähnliche Zustände, von denen man gerne mehr hätte. Das Kuschelhormon Oxytocin ist für den Wunsch nach Nähe und Bindung zuständig.
Gleichzeitig wird aber auch jede Menge Adrenalin und Cortison produziert. Das sind Stresshormone. Das Nervensystem ist komplett in Alarmbereitschaft und sehr reizoffen. Folge sind die bei Stress üblichen Reaktionen: Man wird nervös, vergisst Dinge, läuft ziellos umher, der Puls geht hoch, die Hände schwitzen, man schläft schlecht. Grund dafür ist wiederum unser steinzeitlich programmiertes Gehirn, das Warnsignale für Gefahren an Nerven, Kreislauf und Muskeln sendet. Der weniger wichtige Verdauungstrakt wird dabei zunächst vernachlässigt. „Wer verliebt ist, hat kaum Appetit und verdaut auch schlechter“, so der Chefarzt. Und die „Schmetterlinge im Bauch“ seien genau das Anzeichen für diese hormonellen Vorgänge. Würde man das Blut von Menschen in dieser Phase untersuchen, könne man anhand des Hormonprofils in den allermeisten Fällen tatsächlich eine Verliebtheit „diagnostizieren“. Bei den meisten würde man dabei auch einen abgesenkten Wert des Glückshormons Serotonin sehen. Das klingt zunächst widersprüchlich. „Forscher erklären das mit dem Verlust des rationalen Blicks und damit, dass der Partner voll und ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit steht“, sagt Karagülle. Das führe dazu, dass der frisch Verliebte sofort mit Entzugserscheinungen reagiere, wenn er oder sie vom Partner oder von der Partnerin getrennt sei, ähnlich wie bei Drogenabhängigen auf Entzug.
Neben den rein körperlichen Auswirkungen gibt es aber natürlich auch psychologische Effekte – zum Beispiel die wohlbekannte „rosarote Brille“. Verliebtsein verzerre die Wahrnehmung, man sehe über viele störende Eigenschaften des anderen völlig hinweg und idealisiere die geliebte Person, so Karagülle. Außerdem sei man unkonzentriert und gleichzeitig risikobereiter, was bei wichtigen Entscheidungen manchmal schwierig werden könne.
„Man muss es so sagen: Verliebtsein ist Stress für den Körper“, fasst der Psychiater und Psychotherapeut zusammen. Kein Mensch würde das auf Dauer aushalten können. Deshalb übernehmen spätestens nach etwa sechs Monaten langsam andere Hormone die Regierung, mit der das Verliebtsein in eine etwas ruhigere Phase übergeht, wenn es gut läuft, in eine tiefere Liebe.















