„Man wird immer daran erinnert, dass da einmal etwas war, was da nicht hingehörte“

Wie Lungenkrebspatient Karl-Heinz Helmke den Kampf gegen die Krankheit erlebt hat und bald als geheilt gelten könnte

 

An den Tag, der sein komplettes Leben veränderte, kann sich Karl-Heinz Helmke noch gut erinnern. An diesem Tag, im April 2018, war er beim Routine-Check seiner Lungen. Als er auf die Ergebnisse wartete, beschlich ihn zum ersten Mal so ein komisches Gefühl. Andere, die später kamen als er, gingen schon früher nach Hause. Er blieb und wartete – und bekam schließlich die Nachricht: „Herr Helmke, da ist etwas in Ihrer Lunge, was da nicht hingehört.“

Diesen Satz hat er noch genau im Kopf. Er ist für ihn der Startschuss zu einer kräftezehrenden Therapie im Lungenkrebszentrum des Klinikums Bremen-Ost. Karl-Heinz Helmke nimmt den Kampf an. „Dass ich heute noch hier bin, ist ein Geschenk - ohne das Krankenhausteam um Prof. Dieter Ukena wäre ich heute wahrscheinlich nicht mehr hier“, ist sich Karl-Heinz Helmke sicher. Denn schließlich verbinde man mit der Diagnose Lungenkrebs immer erst einmal das Schlimmste.

Mit jeder Untersuchung verdichten sich damals die Hinweise, dass der Tumor, der seine Lunge befallen hatte, noch nicht gestreut und keine Metastasen gebildet hat. „Als ein MRT von meinem Gehirn gemacht wurde, war das einer der schlimmsten Tage für mich. Ich saß da und betete, dass alles gut gehen würde“, erzählt Karl-Heinz Helmke. Dieser schlimme Tag hält schließlich dennoch eine der besten Nachrichten für ihn bereit. „Der Professor kam herein und sagte: Herr Helmke: In ihrem Kopf ist nichts, was da nicht hingehört.“

„You have future – dieser Satz hat mir unglaublich geholfen“

Doch der Tumor in der Lunge ist weiter da. Die Operation sollte ein weiterer entscheidender Punkt im Kampf gegen den Krebs werden. Der Termin fällt ausgerechnet auf den Tag, an dem er seine Frau einst kennengelernt hat: Der 20. September soll ihm auch dieses Mal wieder Glück bringen. Am Abend vor der OP kommt eine Assistenzärztin zu ihm und sagt einen Satz, der Karl-Heinz Helmke ebenfalls bis heute im Kopf geblieben ist. „Sie sprach Englisch, Michelle aus Toronto, und sie sagte mir immer wieder, dass ich nicht aufgeben solle, weil ich eine Zukunft habe: ‚You have future!‘. Das hat mir unglaublich geholfen.“ Die Operation im Klinikum Bremen-Ost verläuft gut, dennoch muss ein Teil seiner Lunge mitsamt dem Tumor entfernt werden. Aber der nächste Schritt zum Sieg über den Krebs ist geschafft.

Für Karl-Heinz Helmke geht es mit der Chemotherapie weiter. Immer wieder kommt er zur Chemo ins Krankenhaus, trifft auf andere Krebspatienten. „Was ich gelernt habe ist, dass einfach jeder Verlauf anders ist, da gibt es kein Schema.“ So unterschiedlich die Erkrankungs- und Therapiegeschichten auch sind, so unterschiedlich gehen Helmke und die anderen Patienten mit ihrem Schicksal um. Helmke spricht mit vielen, manche haben Hoffnung wie er, andere haben aussichtslosere Verläufe und die Hoffnung manchmal schon aufgegeben. Jeder kämpft auf seine Weise. Wie einige mit ihrer Lungenkrebserkrankung umgehen, imponiert Karl-Heinz Helmke, „bei anderen, die nach dem Motto ‚jetzt ist auch egal‘ auch während der Therapie draußen noch weiterrauchten, konnte ich es nicht nachvollziehen“, sagt er.

„Lebens-TÜV“ für ein weiteres halbe Jahr

Vom Aufgeben ist Karl-Heinz Helmke weit entfernt, er hat durch die frühe Diagnose noch gute Chancen, und die will er nutzen. Er setzt sich intensiv mit der Krankheit auseinander, lernt sie kennen – und bekommt auch Gewissheit, warum sie in ihm entstanden war. Als Industrieisolierer war er in seinem Leben mit Asbest in Kontakt gekommen, die Ursache wird später von der Berufsgenossenschaft bestätigt. „Im Vergleich zu früher sind die Sicherheitsstandards in der Industrie heute längst viel höher, früher waren sie das nicht“, sagt Karl-Heinz Helmke. Neben der Hauptursache Tabakkonsum seien eben auch die arbeitsbedingten Lungenkrebserkrankungen eine weitere große Ursache beim Thema Lungenkrebs. Gerade in Bremen und umzu mit seinen vielen großen Hafen- und Industriebetrieben sei das ein Faktor, der sich heute noch bemerkbar mache.

Die Chemotherapie sorgt bei Karl-Heinz Helmke dafür, dass mögliche Krebszellen, die noch im Körper schlummern, bekämpft werden können. Mit Erfolg. Karl-Heinz Helmke befindet sich heute, mehr als drei Jahre nach der schlimmen Diagnose, in der sogenannten Heilbewährungszeit. Im Halbjahres-Rhythmus fährt er noch ins Klinikum zur Nachuntersuchung. „Aber es ist immer noch so, dass ich Tage vor der Untersuchung keinen Appetit habe und kaum schlafen kann“, sagt Helmke. „Umso schöner ist das Gefühl, wenn ich vom Klinikteam – wie ich es immer nenne – den TÜV für das nächste halbe Jahr bekomme“, sagt Helmke; die Bestätigung, dass keine Krebszellen seit dem letzten Mal gefunden wurden.  In zwei Jahren gälte Karl-Heinz Helmke als geheilt. „Das wäre nicht nur schön, sondern das wäre das größte überhaupt“, sagt er. Heute schätzt er jeden Tag, an dem er mit seiner Familie, die ihm sehr durch die ganze Zeit geholfen hat, verbringen kann; wenn gleich er auch jeden Tag mit Einschränkungen zu kämpfen hat. Kurzatmigkeit, Gefühlsstörungen in den Beinen, Schmerzen. „Man wird immer daran erinnert, dass da einmal etwas war, was da nicht hingehörte.“

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FORTSCHRITT IN DER LUNGENKREBSTHERAPIE

„Wir haben heute mehr Handlungsspielraum“
Gerade im fortgeschrittenen Stadium ist Lungenkrebs weiterhin eine der tödlichsten Erkrankungen überhaupt. „Wir haben heute aber mehr Handlungsspielraum, die Therapie ist komplexer und individueller geworden“, sagt Prof. Dr. Dieter Ukena, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin im Klinikum Bremen-Ost und Vorsitzender der Lungenstiftung Bremen. Was früher in den meisten Fällen als kaum therapierbar galt, sei heute angreifbarer geworden.“ Viele Patienten könnten heute deutlich länger mit der Erkrankung leben, als es früher vorstellbar gewesen sei. Die Immuntherapie, bei der das körpereigene Immunsystem reaktiviert wird und gegen den Krebs arbeitet, ist als neue Säule hinzugekommen. „Ein Quantensprung in der Krebsmedizin“, sagt Ukena.

Eine wichtige Rolle spielt zudem die Thoraxchirurgie. „Wenn eine Operation möglich ist, ist das grundsätzlich erst einmal ein gutes Zeichen für Lungenkrebspatienten und ihre Therapiechancen“, sagt der neue Chefarzt der Thoraxchirurgie des Klinikums Bremen-Ost, Dr. Johannes Broschewitz. Minimalinvasive Eingriffe, die die Patienten deutlich weniger belasten, als es früher der Fall war, seien heute längst die Regel. Mit modernen Techniken wie der Bronchus- und Gefäßrekonstruktion sowie der Laserchirurgie könne am Klinikum Bremen-Ost auf bestmögliche Weise Lungengewebe und damit auch Lebensqualität erhalten bleiben.

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