Suche nach dem passenden Schlüssel

Personalisierte Krebstherapie: Wie die molekulare Tumoranalyse dabei helfen soll, Tumore besser zu entschlüsseln und sie gezielter anzugreifen. Geno-Kliniken arbeiten mit Universitäten und Krebsforschungszentrum zusammen.

Seit diesem Herbst schaltet sich Prof. Dr. Ruben Plentz jede Woche in eine ganz besondere Videokonferenz ein. Per Laptop ist der Chefarzt der Inneren Medizin im Klinikum Bremen-Nord dann Teil des Molekularen Tumorboards der Uni Tübingen. Das Gremium aus führenden Onkologen, Molekularbiologen, Pathologen und vielen weiteren Experten analysiert und berät darin detailliert über konkrete Krebsfälle. Auch die Fälle von Patienten aus dem Klinikum Bremen-Nord spielen in der Konferenz regelmäßig eine Rolle – und im besten Fall ergibt sich dabei am Ende ein neuer Therapieansatz, der zuvor gar nicht möglich schien.

„Wir dürfen den Patienten da zwar keine falschen Hoffnungen machen. Aber die molekulare Tumoranalyse und individuelle Therapie ist derzeit eines der spannendsten Themen in der Krebsforschung“, sagt Plentz. Doch was steckt konkret dahinter? Generell ist man in der standardisierten Krebstherapie in den vergangenen Jahren große Schritte vorangekommen. So kann man heute Chemotherapie, OP und Bestrahlung längst viel gezielter einsetzen, als das noch vor wenigen Jahren der Fall war. Auch die Heilungschancen und die Lebenserwartung von Krebspatienten sind insgesamt deutlich gestiegen.

„Über den Tumor an sich weiß man heute dagegen häufig noch vergleichsweise wenig“, sagt Plentz. Bei der molekularen Tumoranalyse versucht man genau das zu ändern. Dort wird der Fokus stärker auf seine individuellen Eigenschaften gerichtet, um bisher unbekannte Schwachstellen zu entdecken und ihn gezielter angreifen zu können. „Wir wissen heute: Die Tumorzellen sind bei jedem Menschen anders – selbst wenn es sich um die gleiche Krebsart handelt“, so Plentz. Und deshalb seien auch die Angriffspunkte oft ganz verschiedene.

In der Pathologie werde Krebsgewebe heute bereits in standardisierten Verfahren auf bestimmte Marker hin untersucht, die mehr Aufschluss über Art und Zusammensetzung des Tumors und seine mögliche Schwachstellen liefern. Bei der molekularen Tumoranalyse geht man schon einen Schritt weiter. Über die bekannten Marker hinaus wird Tumorgewebe von einem humangenetischen Institut – wie im Beispiel Tübingen – auf insgesamt 766 weitere relevante Gene untersucht. „Wir suchen quasi nach den Exoten. Im besten Fall ergeben sich daraus Auffälligkeiten für neue Therapieansätze, die man so bisher nicht kannte“, sagt Plentz. Ein Medikament, das eigentlich gegen Darmkrebs eingesetzt werde, könne so auf einmal theoretisch auch für die Bekämpfung eines Bauchspeicheldrüsentumors in Frage kommen.

Geno-Kliniken arbeiten mit Tübingen und Heidelberg zusammen
„Wir sammeln in diesem Bereich gerade bundesweit viele wertvolle Erfahrungen“, sagt Dr. Jörg Gröticke, Leitender Oberarzt im Onkologischen Zentrum der Gesundheit Nord, mit dem auch das Klinikum Bremen-Nord eng zusammenarbeitet. Die Krankenhäuser des Klinikverbunds –insbesondere die Krebszentren – setzen dabei auf enge Partnerschaften, arbeiten außer mit Tübingen zum Beispiel auch mit der Universität Heidelberg und dem Deutschen Krebsforschungszentrum dort zusammen, das eine Master-Studie zu dem Thema auf den Weg gebracht hat.  

„Es ist ein extrem hoffnungsbeladenes Verfahren. Aber was man nicht vergessen darf: Die Zahl der Erfolge ist bisher noch überschaubar“, sagt Dr. Matthias Bormann, Koordinator des Onkologischen Zentrums der Gesundheit Nord. „Doch wenn im Einzelfall mal der Schlüssel ins Schloss passt, dann ist das mitunter schon sehr beeindruckend. Und natürlich ein extremer Glücksfall für den Patienten.“

Neue Standardtherapien als Ziel
Für eine molekulare Tumoranalyse – ein extrem aufwändiges und auch kostspieliges Verfahren –  kommen nach Angaben er Ärzte bisher nur ein bis zu drei Prozent der Krebspatienten überhaupt in Frage – zum Beispiel wenn es sich um besonders seltene Tumore handelt oder die standardisierten Therapiemöglichkeiten ausgereizt sind. Zudem müssten sich Patienten aber auch körperlich in der Verfassung befinden, dass überhaupt eine Gewebeentnahme durch einen kleinen Eingriff möglich ist. Die meisten Erfahrungen seien bisher insbesondere bei Leukämie-, Brustkrebs- oder Lungenkrebspatienten gesammelt worden, sogenannte solide Tumore wie bei Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Darm- oder Magenkrebs spielten bisher noch eine untergeordnete Rolle. „Unser gemeinsames Ziel ist es“, so Prof. Plentz, „auf diese Weise eines Tages ganz neue Standardtherapien entwickeln zu können.“

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