Eine Stunde in der Woche: Länger durften Eltern ihr krankes Kind noch in den 60er- Jahren nicht besuchen. Selbst dann nicht, wenn die kleinen Patienten mit Diphterie oder Keuchhusten wochenlang im Krankenhaus bleiben mussten. Heute dagegen sind Eltern, Geschwister und Freunde ein wichtiger und auch selbstverständlicher Teil der Therapie. Anlässlich des 175. Jubiläums des Klinikums Bremen-Mitte blickt Kinderklinik-Chefarzt Prof. Melchior Lauten auf die vergangenen Jahrzehnte zurück – und erzählt, wie sehr sich der Alltag in der Kinderklinik gewandelt hat.
Die kindliche Psyche spielte noch bis vor wenigen Jahrzehnten kaum eine Rolle, weder innerhalb noch außerhalb des Krankenhauses. „Heute hat sich die Welt außerhalb des Krankenhauses verändert und innerhalb des Krankenhauses haben wir zum Glück eine Vielzahl mehr an wirksamen Medikamenten zur Verfügung“, erklärt Prof. Melchior Lauten, Chefarzt der Kinderkliniken am Eltern-Kind-Zentrum Prof. Hess im Klinikum Bremen-Mitte. Denn die aus heutiger Sicht harte Praxis mit nur knappen Besuchszeiten hatte ihre Gründe: Viele ansteckende Erkrankungen waren damals kaum behandelbar, eingeschleppte Erreger nicht mehr in den Griff zu bekommen. Das änderte sich erst ab den fünfziger Jahren mit dem Aufkommen zahlreicher Schutzimpfungen und mit der Weiterentwicklung und größeren Verfügbarkeit von Antibiotika. Heute sind Angehörige selbstverständlicher Teil der Behandlung. Sie geben Halt und sorgen für Ablenkung im Klinikalltag.
„Wir versuchen, das normale Leben auch in der Klinik abzubilden, um für die Kinder und Jugendlichen die schwierige Situation der stationären Behandlung so erträglich wie möglich zu gestalten“, sagt Lauten. Im Eltern-Kind-Zentrum gibt es Spielzimmer, Übernachtungsmöglichkeiten für Eltern, verschiedene Therapieangebote, eine psychotherapeutische Begleitung, Schulunterricht, Klinikclowns und die Puppenvisite. Psychosoziale und psychosomatische Fragestellungen sind aus Diagnose und Therapie nicht mehr wegzudenken - und auch das setzt eine enge Einbindung der Eltern voraus. Was sich außerdem grundlegend geändert hat: Viele Patientinnen und Patienten bleiben heute gar nicht mehr lange auf den Stationen, weil die Behandlungen oftmals tagesklinisch oder ambulant stattfinden. Eine Vielzahl von Spezialambulanzen und zwei Tageskliniken stehen dafür im Elki zur Verfügung. Der Vorteil: die Kinder und Jugendlichen werden nicht mehr über Monate aus ihrem Alltag und dem familiären Umfeld herausgerissen. Selbst sterbenskranke Kinder können durch den auf Kinder spezialisierten ambulanten Palliativdienst zuhause in ihrer vertrauten Umgebung versorgt werden. Noch bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren Krankheiten wie Tetanus, Polio oder Diphterie lebensgefährlich und endeten oft tödlich. Mit Hilfe der Impfungen konnte diese Gefahr weitestgehend besiegt werden.
Heute sind es andere Erkrankungen, die dazu führen, dass Kinder über längere Zeit im Krankenhaus behandelt werden müssen – zum Beispiel Krebs. Aber auch hier ist der medizinische Fortschritt enorm. „In den 50er-Jahren gab es nur sehr wenige Medikamente für die Behandlung einer Krebserkrankung. Nur etwa eines von vier Kindern konnte damals geheilt werden“, sagt Lauten. Heute hat sich dieses Verhältnis durch länderübergreifende Kooperationen bei wissenschaftlichen Behandlungsstudien umgekehrt: Nur noch etwa eines von vier Kindern kann trotz aller Fortschritte noch nicht geheilt werden. Damit treten allerdings neue medizinische Betreuungsnotwendigkeiten auf, denn Nebenwirkungen der Behandlung auf. Herz, Nieren oder Schilddrüse entwickeln sich oftmals erst Jahre später, sodass eine langfristige Nachbetreuung auch der Geheilten notwendig wird.
„Ein Problem entsteht hier oftmals an der Schwelle zum Erwachsenenalter, wenn die Betreuung in der Kinderheilkunde für die ehemaligen Patienten nicht mehr ideal ist, entsprechende Versorgungsstrukturen in der Erwachsenenmedizin aber noch nicht flächendeckend vorgehalten werden“, so Lauten.
Auf der einen Seite sind Kindermediziner heute also bis ins Erwachsenenalter ihrer Patienten gefordert, auf der anderen Seite beginnt das Engagement der Kinderärzte in einigen Fällen sogar schon vor der Geburt ihrer Patienten: Wenn angeborene Fehlbildungen des Kindes bereits im Mutterleib festgestellt werden, begleitet ein ärztliches und therapeutisches Team des Eltern-Kind-Zentrums die werdenden Eltern schon während der Schwangerschaft, so dass gemeinsam der Behandlungsweg ihres Kindes langfristig geplant und intensiv begleitet werden kann. Eine Stunde Besuchszeit in der Woche? Das wäre mit den heutigen Standards der Kindermedizin jedenfalls nicht mehr vereinbar.
















