Es ist eine schlimme Nachricht für die 57-jährige Patientin aus dem Bremer Umland: In ihrem Oberkiefer hat sich ein ausgedehnter, bösartiger Tumor breit gemacht. Die gute Nachricht: Der Tumor ist operabel, jedoch müssen bei dem Eingriff im Kopf-Hals-Tumorzentrum des Klinikums Bremen-Mitte ein Teil ihres Kiefers samt einiger Zähne und große Teile des Gaumens entfernt werden. In einem aufwendigen Verfahren und mit moderner 3D-Technik sorgt das Team der Mund-, Kiefer- und Geschichtschirurgie im Klinikum Bremen-Mitte anschließend dafür, dass ihr Gesicht wieder vollständig hergestellt wird und sie heute ein nahezu normales Leben führen kann.
„Das hat uns vor eine besondere Herausforderung gestellt“, blickt Chefarzt Prof. Dr. Jan Rustemeyer auf den außergewöhnlichen Fall aus diesem Sommer zurück. Mithilfe modernster 3D-Planung und körpereigenen Gewebes gelingt dem erfahrenen Team jedoch eine Rekonstruktion.
Gesunde Seite des Oberkiefers wird nachgebildet
Wie das genau funktionierte? Für den Wiederaufbau entnehmen die Chirurgen einen Abschnitt des linken Wadenbeins einschließlich kleiner Haut- und Muskelanteile. Zuvor planen sie bereits den Eingriff detailliert am Computer: Auf Grundlage von CT-Aufnahmen wird die gesunde Seite des Oberkiefers virtuell gespiegelt, um die ursprüngliche Form möglichst exakt nachzubilden. Anschließend berechnen die Spezialisten, wie das Wadenbein zugeschnitten und geformt werden muss.
Mithilfe des 3D-Drucks entstehen individuelle Operationsschablonen sowie eine speziell für die Patientin gefertigte Titanplatte. Diese ermöglicht es, den transplantierten Knochen aus dem Wadenbein präzise an seiner neuen Position im Kiefer der Patientin zu befestigen. Der Knochen heilt erfolgreich ein, danach können die Zahnimplantate eingesetzt werden, später rundet festsitzender Zahnersatz das Ergebnis ab.
Besonders komplex: Ungewöhnliche Position und Anschluss der Blutgefäße
„Die Patientin kann wieder normal sprechen, ihren Mund uneingeschränkt öffnen und nahezu alle Speisen problemlos essen. Auch ästhetisch konnte das ursprüngliche Erscheinungsbild weitgehend wiederhergestellt werden“, sagt Prof. Dr. Jan Rustemeyer. Derartige Rekonstruktionen des Oberkiefers zählen laut dem Chefarzt zu den anspruchsvollsten Eingriffen der modernen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Anders als beim Unterkiefer müssten die Blutgefäße über längere Strecken an Gefäße im Hals angeschlossen werden. Zudem werde das mittransplantierte Gewebe im Oberkiefer in einer ungewöhnlichen Lage eingesetzt – bildlich gesprochen steht das transplantierte Stück Wadenbein dauerhaft Kopf.
„Für solche komplexen Eingriffe kommen daher vor allem Patientinnen und Patienten mit einer guten Gefäßgesundheit infrage. Dazu zählen insbesondere Nichtraucherinnen und Nichtraucher sowie körperlich aktive Menschen“, erläutert Rustemeyer. Dank moderner Planungstechniken, mikrochirurgischer Verfahren und patientenspezifischer Implantate könnten im Klinikum Bremen-Mitte heute selbst große Defekte nach Tumorerkrankungen erfolgreich rekonstruiert werden. Für die Betroffenen bedeute dies oft die Rückkehr zu einer normalen Lebensqualität. So wie für die 57-jährige Patientin.
















