Tumore in Mundhöhle und Rachenraum sind die sechsthäufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Und auch Frauen sind zunehmend betroffen. Die Tumore sind oft sehr aggressiv. Erkennt man sie früh genug, kann man sie gut behandeln. Doch gerade im fortgeschrittenen Stadium waren die Heilungschancen bisher deutlich geringer. Eine neue Immuntherapie vor und nach der Operation soll das Tumorwachstum im fortgeschrittenen Stadium nun hemmen und so die Überlebenschancen von Patientinnen und Patienten deutlich erhöhen. „Das ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Kopf-Hals-Tumore und verändert die Therapie bei bestimmten Tumoren im Mund- und Rachenbereich grundlegend“, sagt Prof. Andreas Naumann, der das Kopf-Hals-Tumor-Zentrum am Klinikum Bremen-Mitte gemeinsam mit Prof. Dr. Jan Rustemeyer leitet.
Die entscheidende Rolle spielt dabei das Medikament Pembrolizumab, das bisher nur in palliativem Stadium eingesetzt werden durfte, seit Ende vergangenen Jahres aber auch für die Behandlung von fortgeschrittenen, noch heilbaren Tumoren zugelassen ist. Das Medikament löst die Bremsen des körpereigenen Immunsystems, so dass dieses wieder selbst Krebszellen erkennen und bekämpfen kann. „Ziel ist es, dass der Krebs sich nicht weiter ausbreitet oder im besten Fall sogar zurückentwickelt“, sagt Prof. Dr. Jan Rustemeyer, Chefarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Klinikums Bremen-Mitte.
Immuntherapie ersetzt nicht die OP
Diese Therapieform ist mit Blick auf bestimmte Nebenwirkungen bisher nur für ausgewählte Patientinnen und Patienten mit Kopf-Hals-Tumor möglich. „Wichtig ist zudem: Die Immuntherapie ersetzt nicht die Operation“, betont HNO-Chefarzt Prof. Dr. Andreas Naumann. Das bedeutet: Auch wenn der Tumor durch die Immuntherapie kleiner geworden ist, muss der Patient in dem Bereich, wo der Tumor bereits war, operiert werden, sodass zum Beispiel dennoch die Entfernung des Kehlkopfes nötig werden kann, um alle Krebszellen zu entfernen. Trotzdem verspreche die Immuntherapie vor und nach einer OP eine größere Chance, langfristig krebsfrei zu bleiben.
Die Immuntherapie, die seit diesem Sommer auch am Kopf-Hals-Tumor das Klinikum Bremen-Mitte etabliert ist, biete so ein zusätzliches Instrument, den Krebs auch in fortgeschrittenem Stadium zu besiegen. So zeigen die Ergebnisse der Phase-III-Studie „Keynote-689“, dass Patienten, die vor und nach der OP eine Immuntherapie bekamen, im Schnitt 51,8 Monate und damit mehr als 20 Monate länger ohne erneute Erkrankung lebten, als Patienten, die keine Immuntherapie mit Pembrolizumab erhielten.
Große Fortschritte in der Krebstherapie
Den Einsatz von Immun-, Strahlen- oder Chemotherapie bereits vor der Operation nennt man auch neoadjuvante Therapie. Tumore sollen so am Wachstum gehindert oder gar verkleinert werden, um sie später besser und schonender operieren zu können und die langfristigen Überlebenschancen zu verbessern. Auf diese Weise hat man im Onkologischen Zentrum im Klinikum Bremen-Mitte, zu dem auch das Kopf-Hals-Tumor-Zentrum gehört, in den vergangenen Jahren bereits bei anderen Krebsformen wie Darmkrebs, Lungenkrebs oder Bauchspeicheldrüsenkrebs große Fortschritte gemacht. „Dass wir nun auch im Bereich der Kopf-Hals-Tumore eine vielversprechende Immuntherapie vorschalten können, ist ein großer Vorteil für unsere Patientinnen und Patienten“, unterstreicht Prof. Dr. Andreas Naumann, Chefarzt der Hals-Nasen- und Ohrenklinik am Klinikum Bremen-Mitte.
Trotz dieses Fortschritts in der Krebsmedizin bleibt Naumann und Rustemeyer zufolge die Prävention ein unverändert wichtiges Thema, damit Tumore am besten erst gar nicht entstehen. So gelten Zigaretten und Alkohol als Hauptauslöser für das Entstehen von Tumoren im Mund- und Rachenbereich. Zudem sei laut Naumann auch die Vernachlässigung der Mundhygiene ein Faktor, der bösartige Tumore bewirken könne. „Wer immer wieder Entzündungsherde im Mund hat, geht ein hohes Risiko ein“, mahnt Naumann. Er rät daher zu regelmäßigen Kontrollen beim Zahnarzt und dazu, möglichst frühzeitig einen HNO-Facharzt aufzusuchen, wenn zum Beispiel Halsschmerzen auch nach Wochen nicht von selbst wieder verschwinden. Neuere Studien haben zudem gezeigt, dass es auch auf Grund von spezifischen Infektionen mit dem Humanen Papillomavirus zu Tumoren in Mundhöhle oder Rachen kommen kann. Bei Verdacht auf einen Tumor überweisen die niedergelassenen Fachärzte die Betroffenen ins Kopf-Hals-Tumorzentrum am Klinikum Bremen-Mitte. Dieses Zentrum ist als einziges seiner Art im Land Bremen, von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert und Teil des klinikübergreifenden onkologischen Zentrums der Gesundheit Nord. Die Behandlungen richten sich dabei nach den aktuellen Leitlinien für Kopf-Hals-Tumore, also nach den neuesten und höchsten Standards.
„Die unterschätzte Gefahr“: Info-Nachmittag zu Kopf-Hals-Tumoren am 24. September
Das Kopf-Hals-Tumor-Zentrum des Klinikums Bremen-Mitte lädt unter dem Motto „Kopf-Hals-Tumore: die unterschätzte Gefahr“ Patientinnen und Patienten für Donnerstag, 24. September, zum Infonachmittag ein. In der Zeit von 15 bis 18 Uhr geht es Hörsaal (Haus 2, Zugang über den Haupteingang, Raumnr. M0205040) neben aktuellen Therapiekonzepten in verschiedenen Vorträgen auch um Früherkennung, hämatoonkologische Aspekte, Ernährungsmedizin und Folgebeschwerden einer Tumorerkrankung. Die Teilnahme ist kostenlos möglich, eine Anmeldung nicht erforderlich. Neben Prof. Dr. Andreas Naumann (HNO-Klinik) und Prof. Dr. Jan Rustemeyer (Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie) als Leiter des Kopf-Hals-Tumor-Zentrums gehören unter anderem auch Prof. Maher Hanoun, Leiter des Onkologischen Zentrums des Klinikums Bremen-Mitte, sowie Frank Denecke von der Selbsthilfegruppe „Kompetenzzentrum Kopf-Hals-Tumore“ zu den Referenten















